MerMaiD – Die zweite (FSK 18)

Irgendetwas war schiefgegangen. Statt wie üblich zu zweit, standen wir auf einmal in einer großen Traube von Menschen am Aachener Bahnhof. Vielleicht war es der unwiderstehliche Ruf der Meerjungfrau, der die Massen angelockt hat, vielleicht die Tatsache, dass wir dieses Mal nicht angekündigt hatten, dass wir wirklich den letzten Zug nach Linnich nehmen würden. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände aber fiel zunächst unser eigentlicher Zug aus und auch wenn wir den Großteil unserer Gruppe mit Mühe und Not in den erstbesten Alternativzug gequetscht haben, so haben in Langerwehe doch nicht alle in die beiden bereitstehenden Schienenersatzverkehrsbusse gepasst, sodass wir uns dort aufteilen mussten. Die schnellen von uns, die es in den ersten Bus geschafft hatten, wurden auf dem Weg nach Düren mit einem romantischen Anblick einer der dreckigsten Stromerzeugungsanlagen bei Sonnenuntergang belohnt. Wie es sich für Gruppenläufe gehört, haben wir uns aber in Düren nochmal gesammelt, um die letzte Etappe hinein in das wirkliche Abenteuer zu nehmen. In Linnich angekommen mussten wir  allerdings feststellen, dass die erste Hälfte des Laufs wohl deutlich schwieriger war als gedacht und die Aussteigerquote so hoch war, wie man es sonst eher vom WiBoLT in seiner Extended Combined Version erwarten würde: Wir standen nur noch zu fünft am Linnicher Bahnhof. Die TorTour im Schienenersatzverkehr, das ständige Stop-&-Go ist auch für viele erfahrene Läufer*innen sehr anstrengend. Auf die schon vor Linnich hereinbrechende Nacht waren dann wohl einige schlicht nicht vorbereitet.

Gut, dass wir in Linnich ein kleines Fest zur Ermutigung der wackeren Fünf organisiert haben. Ganz Linnich war auf den Beinen, um uns in die Nacht auf die zweite Hälfte unseres Laufs zu schicken.

Selbst Goofy war dort, um uns zu zeigen, was wir sind:

Einen Zug nach Hause gab es nicht mehr. Auch eine Busverbindung nach Aachen würde es erst am nächsten Morgen wieder geben. Umdrehen wäre jetzt also auch blöd gewesen. So galt es, die Stirnlampen aufzusetzen und dem Ruf der Meerjungfrau an den schönen Merzbach zu folgen.

Und auch wenn die Hinweise entlang des Weges uns häufig anderes suggerieren würden,

diese Nacht wird nichts für Langweiler. Viel Mühe war in die Streckenführung gesteckt worden: das Gipfelfest in Linnich, schulterhohe Brennnesseln zur Förderung der Durchblutung von den Zehenspitzen bis zum Hals, Feld- und Waldränder (Doch, doch, Stefan. Das können die Kollegen ernsthaft so durchziehen. 🙂 Wir kennen da nichts.), lockere Erde, knubbelige Feldwege, die Körper und Geist wachhalten. Doch auch die beste Strecke kommt manchmal nicht umhin ein Stück harten Asphalt und Pflasterstein zu verwenden. Als wir dann feldfrisch wie die Landeier in die nächste Metropole gestürzt sind,

hat uns das dortige unnatürliche Licht so sehr irritiert, dass das unvermeidliche passierte und es kam, wie es kommen musste: Einer von uns stürzte. Da dies nicht auf sanftem Waldboden oder auf weichen Brennnesseln gebettet, nicht auf lockerer Felderde und auch nicht im gutmütigen Bachbett geschah, bedeutete dieser Sturz direkt eine kleinere Verletzung: Es sollte wohl eine etwas längere Nacht für uns, eine noch größere Herausforderung für unsere Begleitung werden – da majd-e nix (Sorry, das berichtige ich nicht). Wie mahnt da noch der erfahrene Vilvo?

Dieser Sturz zeigt mal wieder wie sinnvoll es ist, Asphalt und Orte zu meiden, auf den Trails verletzt man sich wohl nicht so heftig :-))

– Stefan Vilvo

Zum Glück hatten wir gleich vier Menschen dabei, die sich mit angewandter Biologie auskannten, sodass es ein Leichtes war, den Verletzten so zu versorgen, dass wir ihn nicht in den Merzbach stoßen und als Köder für die Fische nutzen mussten. Laut Navi war es eh kein guter Tag zum Angeln.

Dies war schließlich der richtige Zeitpunkt, alle weiteren Feuerwerke abzubrennen, die wir zu bieten hatten.

Der Pfadsucher hatte das bestens geplant: Streckenbefeuchtung durch große Sprenganlagen, viele weitere sanfte, gut gepolsterte weil gut bewachsene Feldwege*, weitere zwei Kläranlagen (sodass der MerMaiD sich mit seinen drei Kläranlagen keinesfalls hinter dem Drei-Kläranlagenlauf um Monschau verstecken muss), einen phantastischen Mondaufgang mit dem noch schöneren Bild, dass fünf Menschen mitten in ihrem Weg innehalten, um den Anblick zu genießen (der Mond war leicht rot, aber wir wussten ja schon, dass in der Nacht Blut vergossen wurde), Privatgelände, über das der Weg führte, Zäune, die überbestiegen und umgangen werden mussten, seltene Heilkräuter am Wegesrand… sogar durch das Dorf der Engel sind wir gelaufen.

Die Nacht war lang und sie war anstrengend und sie war doch sehr schön. Dass unsere Fünfergruppe allen Unwägbarkeiten getrotzt hat, hat mich sehr gefreut. Für drei von uns war es die erste durchlaufene Nacht; alle drei, so haben wir es uns versichern lassen sind, waren zum Zeitpunkt des Laufs bereits mindestens 18 Jahre alt. Für zwei von uns war es das erste Mal mit Stirnlampe. Für zwei von uns war es auch das erste Abenteuer dieser Art irgendwo dort, wo der Sport längst aufgehört und etwas ganz anderes begonnen hat. Weil die Queen es so wollte und sowohl die Greif-Statistik als auch der heilige Hundert-Marathon-Club ihr da nacheifern, haben diese beiden in der Nacht nicht ihren ersten Marathon absolviert, sondern etwas, das kilometertechnisch knapp dadrunter liegt. Was sie vielleicht noch nicht ahnen, wir aber schon wissen: Sie haben in dieser Nacht weit mehr als einen Marathon absolviert. In dieser Nacht und auch am Morgen haben wir keinen frohen Leichnam gesehen, aber sie haben beim Sonnenaufgang vielleicht dennoch ein Kreuz gemacht als wir mit dem Sonnenaufgang endlich Aachen erreicht haben. Wir zumindest haben ein Kreuz für unsere Flussliste gemacht.

Danke an alle, die das Abenteuer mit uns gewagt haben. 🙂 Es war schön mit euch zu laufen. Danke auch an Stefan, der versucht hat, das Abenteuert mit uns zu wagen… 😀

*Als „Feldwege“ bezeichnen wir hier Wege die direkt an Feldrändern entlang- oder durch Felder hindurchführen.

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3 Gedanken zu „MerMaiD – Die zweite (FSK 18)

  1. Pingback: MerMaiD Berichte | Pfadsucher

  2. Wahnsinn, was für ein Abenteuer!!!¡!
    Schade das ich keine Zeit hatte, da hab ich wirklich was verpasst,
    Coole Strecke und klasse Teamgeist.
    Dank eurer Berichte, Fotos und Video konnte ich im Nachgang teilhaben.
    Der Brüllend für mich ist der Wegweiser: Weiler – Langweiler….
    Danke dafür
    Gruß Helmut vom Niederrhein

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    • 😀 Schön, dass wir dich so doch ein wenig mitnehmen konnten! 🙂 Danke für die Rückmeldung. 🙂
      Vielleicht klappt es dann ja beim nächsten Mal, wenn die Pläne nicht ganz so kurzfristig sind. 😉

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